INTERVIEW. Die RTLII-Sendung “Tatort Internet” stellt mögliche Pädophile vor der Kamera zur Rede, welche im Internet sexuellen Kontakt zu Minderjährigen suchen. Die Sendung arbeitet mit Stephanie zu Guttenberg (”Innocence in Danger”) und N.I.N.A. (”Nationale Infoline, Netzwerk und Anlaufstelle zu sexueller Gewalt an Mädchen und Jungen”) zusammen. Der Sender RTL II beschreibt die Sendung wie folgt: “Die neue Sendereihe “Tatort Internet – Schützt endlich unsere Kinder” ist ein investigatives und gesellschaftlich relevantes Format, das aufrüttelt, schockiert und alle betrifft.”
Die Sendung steht jedoch stark in Kritik. Wenige Tage nach der Ausstrahlung der RTL II-Sendung ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen einen Kinderdorf-Leiter, welcher in der Sendung entlarvt wurde und Kontakt zu Minderjährigen gesucht hat. Schon mehrere Tage wird der 61-Jährige vermisst. “Die Familie ist in großer Sorge”, erklärte der Caritas-Vorsitzende Clemens Bieber der “sueddeutsche.de”.
Beate Krafft-Schöning chattet seit mehreren Jahren im Netz und gibt sich als 13-Jährige aus. 1999 veröffentlicht sie ihren ersten Artikel zum Thema “Kinder im Internet – Gefahren, die keiner kennt”. Im Jahr 2000 gibt Beate Krafft-Schöning den “Chat-Guide” heraus, den Leitfaden zum sicheren Chatten im Internet für Kinder, welcher bundesweit verfügbar ist. Ein Jahr später gründete Beate Krafft-Schöning „NetKids“. In der RTL II-Sendung “Tatort Internet” gibt sie sich ebenfalls als 13-jähriges Mädchen aus und stellt anschließend die möglichen Pädophilen zur Rede. Bis heute recherchiert Krafft-Schöning im Internet und gilt bundesweit als Expertin für den Bereich sexuelle Gewalt gegen Kinder im Internet.
Doch wie können sich Kinder im Netz schützen? Welche Maßnahmen können Eltern ergreifen? “Eltern sollten sich im Internet, seinen Angeboten und Möglichkeiten besser auskennen, als ihre Kinder. Sie sollten sich überlegen, wie viel Internet ihr Kind benötigt, um gesund erwachsen zu werden”, erklärt Beate Krafft-Schöning gegenüber KUKKSI.de. Weiterhin äußert sich Krafft-Schöning wie folgt: “Ab der elften Klasse würde ich das Internet heute als eine von mehreren Informationsquellen empfehlen.”
Die Journalistin kristisert ausserdem die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF. “Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten waren da eher zurückhaltend, unterstellten mir, wenn ich es das Thema überhaupt anbot, Wichtigtuerei oder ließen mich wissen, dass das Thema nicht ins Sendekonzept passe („Magazin Monitor“) oder, dass man das nur machen könne, wenn die Polizei involviert sei („ZDF-Reporter“)”, erklärt Beate Krafft-Schöning.
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Kindesmissbrauch ist ein trauriges Thema. In der RTL II-Sendung „Tatort Internet“ stellen sie mögliche Pädophile vor laufender Kamera zur Rede. Die Politik redet über Kindesmissbrauch, handelt jedoch kaum. Woran liegt das? Was sollte die Politik tun?
Erstens glaube ich, dass zu diesem Thema viele reden, die nicht wirklich wissen, worüber wir reden. Meines Erachtens gibt es sozusagen ein Vakuum. Wer nicht wirklich weiß, sieht auch keinen Handlungsbedarf. Zweitens darf man nicht vergessen, dass es mit der allgemeinen Internetnutzung auch um sehr viel Geld geht. Das bedeutet, dass viele keinen Grund sehen oder, wenn sie einen sehen, keinen Grund haben, etwas zu verändern.
Politik müsste dringend handeln: Die Vorratsdatensdatenspeicherung, allgemeine Prävention zu diesem Thema in Schulen, die Umsetzungunsfähigkeit der bestehenden Gesetze und der Ausbau der Ermittlungsbehörden für diesen Bereich wären aus meiner Sicht ganz dringende Punkte, die man seitens der Politik abarbeiten müsste! Grooming muss generell unter Strafe gestellt werden. Und zwar europaweit.
Die möglichen Pädophilen, welche in der RTL II-Sendung gezeigt werden, stammen kaum aus der unteren einkommensschwachen Gesellschaftsschicht. Meist sind dies Pädagogen und Geschäftsleute.
Das ist so nicht ganz richtig. Die Männer, mit denen ich es bei meinen langjährigen Recherchen und bei der RTL II-Sendung „Tatort Internet“ zu tun habe, kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Sexuelle Neigungen und Störungen sind unabhängig von Bildung und Einkommen. Aber, es ist richtig, dass ich in den ganzen Jahren vornehmlich Menschen aus der „Mittel- bzw. Oberschicht“ zu Treffen mit vermeintlichen Kindern getroffen habe.
Wie können sich Kinder und Jugendliche im Internet schützen? Welche Maßnahmen sollten Eltern ergreifen?
Eltern sollten sich im Internet, seinen Angeboten und Möglichkeiten besser auskennen, als ihre Kinder. Sie sollten sich überlegen, wie viel Internet ihr Kind benötigt, um gesund erwachsen zu werden. Denn nur wer sich auskennt, kann urteilen und wird möglicherweise zu dem Schluss kommen, dass die Netznutzung des eigenen Kindes auf die wenigen Dinge beschränkt bleiben sollte, die es tatsächlich für die Schule braucht.
Ab der elften Klasse würde ich das Internet heute als eine von mehreren Informationsquellen empfehlen. In diesem Alter sind Kinder bereits in der Lage, Dinge in gewissem Ausmaß differenziert zu bewerten und sie können mit negativen Einflüssen besser umgehen. Man sollte zudem in der Lage sein, gute Infos von schlechten zu trennen. Das Internet sollte bei der Erarbeitung eines Themenkomplexes niemals die einzige Informationsquelle sein.
Sie chatten seit Jahren mit älteren Männern im Internet und geben sich als junges Mädchen aus. Bei „Tatort Internet“ treffen Sie Pädophile und stellen sie zur Rede. Kann Sie noch irgendwas schocken und können Sie nach Ihrer Arbeit einfach so abschalten?
Ich chatte nun bereits seit mehr als zehn Jahren auf diese Weise. Meistens kann ich vorhersagen, was die „Chatfreunde“ als nächstes sagen oder tun werden. Ich habe in diesen Jahren viel erlebt. Natürlich schafft man sich selbst Schutz-Mechanismen, um den Abstand wahren zu können, der für die Arbeit zu diesem Thema absolut wichtig ist. Ich habe selbst nie sexuelle Gewalt erfahren und somit kann ich auch distanzierter damit umgehen. Und, das darf man natürlich nicht vergessen: Wenn ich in der Form recherchiere, wie für „Tatort Internet“, dann spricht man wochenlang mit diesen Menschen, und wenn man dann nicht auch mal lachen könnte, würde man zugrunde gehen.
Ich glaube, lachen befreit manchmal. Auch in meinen Veranstaltungen lachen die Zuhörer ganz oft und viel, gerade wenn ich als Kind live chatten gehe. Lachen oder auch ein humorvoller Umgang, natürlich vorausgesetzt, dass es passend ist, macht es vielen Menschen – und auch mir – leichter, sich mit einem so belastenden Thema zu befassen.
Wie geht es weiter, nachdem Sie einen Pädophilen „erwischt“ haben? Sie geben die Daten an die Justiz weiter. Was unternehmen die Behörden anschließend?
Die uns aus den Sachverhalten vorliegenden werden den Sicherheitsbehörden zur Prüfung übergeben. Alles Weitere ist Aufgabe der zuständigen Behörden.
Es wird meist nur über die Täter gesprochen. Wird genug für die Opfer getan? Wie können Opfer wieder in das normale Leben zurückfinden und welche Stellen können in solchen Fällen aufgesucht werden?
Nein, es wird nicht genug für die Opfer getan! Wäre die Gesellschaft endlich bereit, über das Thema „Sexuelle Gewalt gegen Kinder“, insbesondere auch der im Internet täglich tausendfach verübten, offen und ehrlich zu reden, wäre schon mal viel erreicht. Opfer hätten es leichter zu reden, handelte es sich bei diesem Thema nicht immer noch um ein Tabu-Thema. Diese Gesellschaft hat noch einen sehr großen Informations-Nachholbedarf zum Thema „Sexuelle Gewalt gegen Kinder“.
Ich kann nur sagen: Jedes Kind kann Opfer sexueller Attacken aus dem Internet werden. Egal, woher es kommt und wie lieb seine Eltern es haben, ob es Ballettunterricht bekommt oder im „Block“ wohnt. Es kommt nämlich zum Beispiel auf die Ansprache des Täters und den Entwicklungs- und Reifestand eines Kindes an, ob es Opfer wird.
Opfer warten zudem viel zu lange, oft Monate, auf einen Therapieplatz. Wenn ein Kind heute sexuelle Gewalt erfährt gibt es ein direktes Opfer, aber auch Eltern des Opfers, Geschwister des Opfers und so weiter.
Die Verantwortlichen einiger Chatrooms haben kaum Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, außer dass User die Privatsphäre auf dem Profil teilweise koordinieren können. Reicht das? Welche Sicherheitsmaßnahmen können die Betreiber zusätzlich ergreifen?
Aufgrund der vielfältigen Kommunikationsmöglichkeiten via Chats und Messenger-Programmen ist es schwierig, eine allgemeingültige Regelung zu finden. Der beste Schutz für Kinder im Internet ist der verantwortungsvolle Umgang der Erwachsenen, die letztlich Chatbesuche, das Herunterladen von Messengern oder das Einrichten einer Facebookseite erlauben und zu verantworten haben. Wer Kinder im Internet sich selbst überlässt, handelt fahrlässig. Natürlich könnte man versuchen, Provider zu mehr Jugendschutz zu verpflichten.
Hier steht jedoch oft der Datenschutz wenig hilfreich zur Seite, der Kontrollmöglichkeiten in Chats untersagt. Seit dem Fall des Datenvorratsspeicherungs-Gesetzes vor drei Jahren ist es für die Provider noch schwieriger geworden, Kinder- und Jugendschutzmaßnahmen, sprich Kontrollfunktionen in ihren Angeboten zu installieren. Reine Kinderangebote an sich sind ja eher seltener im Internet zu finden. Die von Kindern und Jugendlichen heute angesteuerten Seiten sind meist für alle Altersklassen ins Netz gestellt worden. Wo für Kinder drauf steht, ist noch lange nicht für Kinder drin! Das gilt insbesondere für das Internet. Ausführliche Informationen hierzu finden sich auf www.kindersindtabu.de, Abteilung Chat-Guide.
Noch eine spezielle Frage zur Sendung. „Tatort Internet“ wird beim Privatsender RTL II ausgestrahlt. Jede Fernsehanstalt und jedes Medium sollte sich damit stärker beschäftigen. Warum wird die Thematik kaum im öffentlich-rechtlichen Fernsehen behandelt? Sollten sich nicht ARD und ZDF auch mit dem Thema befassen? Die Sender rufen zwar dazu auf, dass Kinder im Internet geschützt werden sollen, aufgeklärt wird jedoch selten und Sendungen dazu gibt es auch nicht…
Tja, das ist eine sehr gute Frage. Ich kann nur sagen, dass ich seit sieben Jahren sehr viele Dokumentationen und Beiträge zu diesem Themenkomplex mit Sendereihen aus dem Bereich der Privatsender gemacht habe. Man war dort immer sehr aufgeschlossen und fand das Thema so wichtig, dass man es in Abständen immer wieder gesendet hat. Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten waren da eher zurückhaltend, unterstellten mir, wenn ich das Thema überhaupt anbot, Wichtigtuerei oder ließen mich wissen, dass das Thema nicht ins Sendekonzept passe („Magazin Monitor“) oder, dass man das nur machen könne, wenn die Polizei involviert sei („ZDF-Reporter“).
Ich bin den „Privaten“ bis heute sehr dankbar, dass sie die Wichtigkeit der Thematik früh erkannten und sich entsprechend gekümmert haben. Was ich nun leider im Moment gar nicht verstehe, ist die Aufregung um die von uns gezeigten Konfrontationen mit mutmaßlichen Sexualstraftätern. Seit 2003 veröffentliche ich solche Konfrontationen. Spiegel TV sendete so zum Beispiel 2004 in zwei Sendungen von mir initiierte Konfrontation und keiner hat sich aufgeregt. Im Gegenteil! Großes Lob… Nun macht RTL II so etwas in Serie und es ist ein Skandal.
Am heutigen Montag strahlt RTL II um 21:15 die nächste Ausgabe von “Tatort Internet” aus. Es wird konfrontiert, recherchiert und aufgedeckt: Ein solches Format gab es im deutschen Fernsehen noch nicht. KUKKSI hat bereits mehrmals über die Kritik der Sendung berichtet: Wie die Kritik nach der heutigen Folge ausfällt, bleibt abzuwarten. Jedoch kann man damit rechnen, dass die Sendung für weitere Schlagzeilen in den Medien sorgen wird.
INFOS | Die Fragen wurde von Oliver Stangl gestellt. Bild: © RTL2 | Text: © KUKKSI