
Am heutigen Sonntag veröffentlicht Kukksi nochmal einige Interviews im Original, welches das Berliner Jugend- und Studentenmedium bisher geführt hat.
INTERVIEW | 12.04.2010. Scientology hat vor kurzer Zeit eine deutschlandweite Debatte ausgelöst. Grund dafür war der ARD-Film “Bis nichts mehr bleibt”, sowie Diskussionsrunden im deutschen und österreichischen Fernsehen. Was ist Scientology eigentlich? Eine Sekte? Ein Wirtschaftsunternehmen? Ein Psychokonzern? Ein gemeinnütziger Verein? Eine Kirche? Nachdem uns die Vizevorsitzende der Scientology Kirche e.V., Sabine Weber, eine Antwort gegeben hat, hört sich Kukksi jetzt die gegnerische Seite an.
Es geht um Wilfried Handl. Er war nach dem ARD-Film “Bis nichts mehr bleibt” bei der Diskussionsrunde “Hart aber fair”. Er ist einer der bekanntesten Aussteiger überhaupt, 28 Jahre war er in der Organisation. Er hat Kukksi erzählt, was Scientology eigentlich ist. Die Organisation wird seit Jahren von dem Verfassungsschutz beobachtet, in Deutschland wurde Scientology nicht als Religionsgmeinschaft anerkannt. Die Meinungen zu diesem Thema spalten sich.
Die Organisation bezieht sich auf die Schriften von L. Ron Hubbard. Vorwürfe gegen Scientology sind unter anderem Feindlichkeit gegenüber Homosexuellen, organisierter Betrug, Verfolgung von Feinden oder Ex-Mitgliedern, Zwangsarbeit in Arbeitslagern, wo “KZ-ähnliche Zustände” herrschen. Positive Meldungen zu Scientology gibt es kaum. Ein weiterer Vorwurf ist es, dass Scientology versucht, gesellschaftlichen Einfluss zu gewinnen. Besonders in Deutschland und Frankreich ist die Organisation äußerst umstritten.
Der kürzlich in der ARD gezeigte Film über den Werdegang einer kleinen Familie, die sich den Scientologen angeschlossen hatte, führte zu zahlreichen Diskussionen. Bayerns Innenminister, Joachim Herrmann, forderte gegenüber der Deutschen Presse Agentur in München ein Verbot. Er bewertet Scientology als eine verfassungsfeindliche Organisation, die nicht den Grundprinzipien unserer Demokratie folgt. Ferner betonte der CSU- Politiker auch, dass Scientology keine Kirche ist, sondern vielmehr als Organisation verfassungsfeindliche Bestrebungen anvisiert und die Psyche vieler Menschen negativ beeinflusse.
Wilfried Handl war in dieser “Psycho-Sekte” 28 Jahre lang. Er erzählt Kukksi mehr über Scientology: Was die Organsaition eigentlich ist und wie er in knapp drei Jahrzehnten gelebt hat. In der ARD-Diskussionsrunde “Hart aber fair” hat er sich Scientology gegenüber gestellt. Der ARD-Film “Bis nichts mehr bleibt” handelt von einer Familie, die von Scientology zerissen wird. Ist der Film Realität? Auch darüber haben wir ihm Fragen gestellt.
- KUKKSI-INTERVIEW MIT WILFRIED HANDL
Erklären Sie uns aus Ihrer Sicht, was Scientology ist.
Scientology ist ein Psychokult, der als eine Art von „Selbsthilfegruppe“ auftritt. Von Außen und zu Beginn betrachtet, sieht Scientology tatsächlich so aus, als ob hier verschiedene Kurse angeboten werden, die dem Einzelnen helfen würden, sein Leben besser zu meistern. Nach und nach kommt dann das zum Tragen, was hinter dieser Fassade steht: Eine totalitäre Gruppierung, die dem Einzelnen mehr oder weniger schnell in ihren Bann zieht und deren Vorgaben und Dogmen sein Leben beherrschen werden. Hinter Scientology steht die sogenannte „Sea Org“, eine paramilitärische Vereinigung, die den Willen von Scientology durchsetzt, da sie aus diesem Grund gegründet wurde, und das sogenannte „Büro für spezielle Angelegenheiten“, der scientologische Geheimdienst, dem u.a. Jürg Stettler und Sabine Weber angehören, die als Öffentlichkeitssprecher von Scientology fungieren.
Sie waren 28 Jahre in der Organisation Scientology, dass sind fast drei Jahrzehnte.
Welcher Grund hat sie dazu veranlasst, dieser Organisation beizutreten?
Der Grund war trivial: Ich hatte damals (1974) eine Freundin, die Scientologin war und mir nachdem ich neugierig wurde, nahelegte Scientology zu besuchen.
Erzählen Sie uns bitte, was Sie in den 28 Jahren bei Scientology erlebt haben. Welche negativen & positiven Erfahrungen haben Sie gesammelt?
Die Frage ist so, als wenn man jemanden fragen würde, er soll die Positiva und Negativa im totalitären Staat X aufzählen. Ich sehe das eher so: 28 Jahre meines Lebens bin ich etwas angegangen, das in keinem Aspekt lebensbejahend oder positiv ist. Auch wenn es positive Ereignisse gab, sind diese derart mit Scientology kontaminiert, dass sie nicht wirklich positiv sind. Für mich sind diese Jahre Teil meiner Biographie und mir tut es nur leid, dass ich mich erst in den Jahren nach meinem Ausstieg mit den vielen negativen Aspekten von Scientology auseinandersetze. Mehr dazu auf www.wilfriedhandl.com.
Wieviel Geld haben Sie in diesen 28 Jahren bei Scientology zurückgelassen?
Rund 130.000 Euro
Hatten Sie Kontakt zur Außenwelt? Haben Sie sich in Ihrer Lebensweise verändert? Wie sah die Kommunikation mit „außenstehenden“ Personen aus?
Lediglich anfangs. Nach einiger Zeit bestand mein Bekanntenkreis fast ausschließlich aus Scientologen. Was in sich auch „logisch“ ist, da nur diese die „Sprache“ verstehen und Außenstehende zumeist skeptisch agierten oder als „Feinde“ auftraten. Der ARD-Film hat dies gut gezeigt.
Erzählen Sie uns, wie ihr Tag bei Scientology abgelaufen ist.
Eigentlich unauffällig. Ich ging meiner Arbeit nach und besuchte abends entweder Kurse oder half in der Scientology-Organisation mit. Man kann sich den typischen Tagesablauf eines Scientologen so vorstellen: Arbeit, Abends und am Wochenende auf Kursen oder mit Auditing beschäftigt, der scientologischen „Psychoanalyse“ unter Zuhilfenahme eines Lügendetektors; wobei der Begriff Lügendetektor von L. Ron Hubbard geprägt wurde, der über dessen Tragweite sehr oft schrieb.
Scientology ist eine Organisation, welche sich auf die Schriften von L. Ron Hubbard bezieht. In Deutschland wurde die „Kirche“ nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt, in zahlreichen anderen Ländern wurde sie jedoch anerkannt. Scientology wird als umstrittene Organisation in Deutschland angesehen, welche seit den 90er Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Weshalb wurde die Organisation in anderen Ländern als Religionsgemeinschaft anerkannt und wieso ist es so schwer, Scientology zu verbieten?
Warum Scientology in anderen Ländern als Kirche bzw. Religion anerkannt wurde, ist für mich nicht nachvollziehbar und kann nur auf die „Effektivität“ des „Büro für spezielle Angelegenheiten“ zurückgeführt werden. Wie diese Effektivität aussieht, kann man auch nachvollziehen, wenn man die „Entstehungsgeschichte“ der Entscheidung des amerikanischen Internal Revenue Service (der amerikanischen Steuerbehörde) aus dem Jahr 1993 betrachtet – Mehr dazu in meinem Buch „Das wahre Gesicht von Scientology“.
Feindlichkeit gegenüber Homosexuellen, angebliche Arbeitslager in Kopenhagen, Zwangsarbeit, bandenmäßiger organisierter Betrug – alles das sind Vorwürfe gegen die Organisation.
Was hat es mit den angeblichen Arbeitslagern in Kopenhagen auf sich …
Die Arbeitslager gibt es – nicht nur in Kopenhagen, auch in East Grindstead/England und in den USA. Unter dem unverdächtigen Namen „Rehabilitation Project Force“ fungiert dort eine GULAG-ähnliches Einrichtung. Berichte von ehemaligen Insassen verdeutlichen dies. Vom Namen darf man sich nicht täuschen lassen – Es stand schon einmal „Arbeit macht frei“ über einer Einrichtung, die letztendlich unter „Freiheit“ etwas ganz anderes verstand.
In wie fern ist die Feindlichkeit gegen Homosexuellen vorhanden?
Homosexuelle werden bei Scientology völlig abgelehnt. Ein Sohn Hubbards, Quentin, der homosexuell war, verübte Selbstmord, da er den Ansprüchen nicht gerecht wurde. Mehr dazu im Buch „Bare-Faced Messiah“ von Russel Miller (Ein Link zur deutschen Übersetzung auf www.wilfriedhandl.com)
Welche weiteren Auseinandersetzungen sind Ihnen zwischen Scientology und Mitgliedern, bzw. Feinden der Organisation bekannt?
In Frankreich wurde Scientology im Herbst 2009 wegen bandenmäßig organisierten Betrug zu einer Geldstrafe verurteilt, in Belgien ermittelt die Staatsanwaltschaft und bereitet eine Klage vor und in Deutschland beobachtet der Verfassungsschutz genauso wie in Österreich.
Es gibt zahlreiche Berichte, wo sich der Ausstieg bei Scientology schwierig gestaltet. Terroranrufe, Verfolgungen, Aufsuchen im Treppenhaus und sogar Handgreiflichkeiten auf der Straße. Stimmen die Sachverhalte? Welche Erfahrungen haben Sie gesammelt, haben Sie Probleme bei Ihrem Ausstieg gehabt?
Bin in die 1990er-Jahre war dies durchaus üblich. Seitdem verfährt Scientology anders – auch um dem „Kirchenimage“ gerechter zu werden. Solange jemand leise die Organisation verlässt, passiert nichts. Erst wenn jemand öffentlich gegen Scientology auftritt rollt die Maschinerie, die u.a. gezielten Rufmord und jede andere Möglichkeit, jemandes Ruf zu zerstören beinhaltet. In meinem Fall kam noch dazu, dass mir jeder Kontakt zu meinen Söhnen, die in den USA bei ihrer Mutter (ist Scientologin) leben, unmöglich gemacht wurde.
Aus welchem Grund haben Sie Scientology verlassen?
Es waren mehrere Dinge, die zusammenfielen. Einerseits waren da meine immer größer werdenden Zweifel, die ich seit Mitte der 1990er-Jahre hatte, jenem Jahr in dem David Miscavige das „Goldenen Zeitalter der Technologie von Scientology“ ausrief. Andererseits traf ich nach fast 30 Jahren meine Jugendliebe wieder – und diese erschrak als sie mich sah. Ihr war bewusst, dass man sich in diesem Zeitraum veränderte – aber nicht so: kalt, kontrollierend, scheinbar auf jemand eingehend, dabei aber vollkommen zielgerichtet; sich und Scientology als das Non-Plus-Ultra darstellen.
Und dann war da noch meine Krebserkrankung, die ich aus scientologischer Sicht nie bekommen hätte dürfen: Ich war ein sogenannter „Geklärter“, ein „Clear“, der laut Hubbard nicht einmal Schnupfen bekommen sollte. Und plötzlich hatte ich nur mehr ein kurze Lebenserwartung. Danach war mir klar: Ich musste in meinem Leben dringend etwas ändern. Das „Was“ zu finden war nicht schwer – Scientology stand als riesiger Block da.
Was droht Mitgliedern oder außenstehenden Personen, die sich gegen Scientology stellen? Welche Strafen hängen die Scientologen aus?
Man wird zur „Unterdrückerischen Person“ erklärt und wenn man wiederholt gegen Scientology vorgeht, tritt folgende Gesetzmäßigkeit in Kraft: „Feind: Regel für Unterdrückerische Personen anwenden. Freiwild. Darf seines Eigentums beraubt oder (in jeder Weise durch jeden Scientologen) verletzt werden, ohne dass dies disziplinarische Folgen für den Scientologen hat. Darf hereingelegt, verklagt, belogen oder zerstört werden.“ Hubbard hat dies 1967 festgelegt, ein Jahr später revidiert, „da es schlechte PR hervorrief“. Tatsache ist, dass es bis zum heutigen Tag in Verwendung ist, was ein Fülle von Aussagen belegt.
Scientology hat in Deutschland mehrere tausend Mitglieder. In den Vereinigten Staaten hat die Organisation schätzungsweise mehrere hundert tausend Mitglieder. Mit welchen Tricks versucht Scientology, neue Mitglieder anzuwerben?
Scientology hat in Deutschland 5.000 bis 6.000 Mitglieder, in den USA 50.000 bis 80.000. Weltweit sind es ca. 100.000 bis 150.000 Mitglieder. Die Methoden sind überall gleich: Einerseits durch Straßenkontakt („Stresstest“ mit dem Lügendetektor) oder über Freunde, Verwandte oder Arbeitskollegen.
Die Zeugen Jehovas werden ebenfalls in Deutschland von vielen als Sekte angesehen, dennoch ist die Gemeinschaft als Religionsgemeinschaft in der Bundesrepublik anerkannt. Welchen Unterschied gibt es zwischen den Zeugen Jehovas und Scientology?
Eigentlich nicht sehr viele – Nur dass die Zeugen Jehovas über keine paramilitärische Truppe von 5.000 Mann, die teilweise bewaffnet ist, und einem eigenen Geheimdienst (Büro für Spezielle Angelegneheiten) verfügt. Dazu komm noch, dass die Summen nicht so groß sind wie bei Scientology – wir sprechen über 200 bis 400 Millionen Dollar pro Jahr, die Scientology einnimmt.
Was können Sie den Menschen raten, die ungewollt zu Scientology geraten sind? Wo können sich Betroffene hinwenden, wenn sie zum Beispiel von Scientology bedroht werden?
Entweder an die vielen offiziellen Beratungsstellen oder direkt an mich: gdpa@wilfriedhandl.com oder +43 6649901593.
Der kürzlich ausgestrahlt ARD-Film „Bis nichts mehr bleibt“ war der erste deutsche Scientology-Film. Stellt der Film die Realität dar? Haben Sie sich im Film wieder gefunden? Konnte der 90-minütige Film aufklären oder war dies zu kurz gehalten?
Der Film stellt absolut die Realität dar – sogar untertrieben. Für mich war der Film ein Deja-vu-Erlebnis, da ich mich in bis zu 90% der Szenen wiederfand. Wobei er sicher nur einige Aspekte zeigen konnte – aber daraus darf man dem Film keinen Vorwurf machen. Würde man alles zeigen, käme eine Film heraus, der wahrscheinlich 30 Stunden dauern würde. Nein, in der Form konnte er meines Erachtens über Prinzipielles aufklären – und hat das hoffentlich auch getan.
In der Diskussionsrunde „Hart aber fair“ mit Frank Plasberg waren Sie zu Gast. Auch der Scientology-Pressesprecher Jürgen Stettler nahm an der TV-Sendung teil, anwesend war auch Jürgen Fliege, der als evangelischer Pfarrer indirekt zu Scientology gehalten hat. Einige Medien berichteten, dass „Jürgen Fliege mit Scientology „geschmust“ hat. Wie war Ihr Eindruck? Was ist das für ein Gefühl, wenn Sie als Scientology-Gegner der „Sekte“ heute gegenüber stehen?
Fliege ist für mich nicht durchschaubar. In vielen seiner Bemerkungen schwingt mehr als Sympathie für Scientology. Dann distanziert er sich wieder. Vielleicht spielt auch sein geschäftlicher Kontakt zu Aquapol eine Rolle. Dieses Mauertrockenlegungssystem wird von einem der führenden Scientologen (Willy Mohorn) in Österreich betrieben. Für mich persönlich ist es immer ein gewisses Problem, Offiziellen von Scientology gegenüberzutreten. Ich weiß, in welcher Funktion z.B. Stettler auftritt: Als Chef des scientologischen Geheimdienstes, der schon im Vorfeld trainiert hat, wie er mit Einzelnen und dem Thema „umgehen“ wird. Wobei es mir nicht um mein Abschneiden geht. Das ist sekundär. Mir geht es darum, so über das Thema zu sprechen, dass der Zuschauer daraus Informationen erhält. Und genau das versuchen Menschen wie Stettler zu verhindern.
Wenn wir es so sagen dürfen, Sie sind heute ein „freier Mann“. Was machen Sie heute? Wie sieht ihr Alltag heute aus?
Einerseits arbeite ich immer noch die Zeit bei Scientology auf, anderseits engagierte ich mich in den letzten Jahren verstärkt in der Selbsthilfegruppe GDPA, die allen Menschen, die mit Scientology in Kontakt kamen, Hilfestellung gibt. Eigentlich müsste man sagen: Ich bin ein immer freier werdender Mann.
Unsere letzte übliche Frage. Kukksi ist ein Medium, welches größtenteils von Jugendlichen und Studenten betrieben wird. Mit dem Thema Scientology beschäftigen wir uns schon länger, unsere erste große Aufgabe war das 120-minütige Interview mit der Vizepräsidentin Sabine Weber im Scientology-Hauptsitz in Berlin. Wir hören uns beide Seiten an, wir führen Interviews mit Gegnern, Aussteigern und Scientology selbst und wollen über die Organisation aufklären. Kannten Sie schon Kukksi? Wenn nein, wie finden Sie das Projekt?
Nein, kannte ich nicht. Finde ich aber gut, da es einmal dazu gehört, beiden Seiten die Möglichkeit der Artikulation zu bieten. Würden wir dies nicht tun, wären wir wie Scientology – totalitär.
- Wir bedanken uns bei Wilfried Handl für das Interview.
Die Website von Wilfried Handl: www.wilfriedhandl.com
- Die Fragen stellte Oliver Stangl.
- News und Eilmeldungen von Kukksi auch bei Twitter >>> Kukksi on Twitter